Daniel Herbst, BSc. Dipl-Ing., von der TU Graz © lunghammer-tugraz
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21.3.2022

Daniel Herbst: "Vollständige eMobilität wird es auch in Zukunft nicht spielen"

Interview: Netzexperte Daniel Herbst von der Technischen Universität in Graz über den Energiemix der Zukunft, die Notwendigkeit eines zügigen Netzausbaus und warum 100 Prozent Elektromobilität auch in Zukunft nicht verfügbar sein werden.

Neue Serie der Tiroler Arbeiterzeitung:
Die andere Seite der Energiewende, Teil 7

Tiroler Arbeiterzeitung: In Deutschland werden nach und nach Atom- und Kohlekraftwerke vom Netz genommen. Was bedeutet das für Österreich?
Daniel Herbst: Die Basis der elektrischen Energieversorgung ist, dass sich zu jedem Zeitpunkt erzeugte und verbrauchte elektrische Energie die Waage halten. Da das europäische Stromnetz in einem Verbund europäischer Länder zusammenhängt, hat das Abschalten von Atom- und Kohlekraftwerken nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf andere Länder Auswirkungen. Das Wegfallen von Erzeugungsleistungen muss daher stets entweder durch andere Einspeisungen kompensiert oder auf der Verbrauchsseite reduziert werden. Dabei ist zu beachten, dass ausreichend Übertragungskapazitäten in Verbindungsleitungen zwischen den einzelnen Ländern oder Regionen vorhanden sind, um gegenseitig auszuhelfen.

Die EU fordert, dass 70 Prozent der für den sicheren und zuverlässigen Betrieb benötigten Kapazitäten bei diesen grenzüberschreitenden Verbindungsleitungen für den Stromhandel zur Verfügung gestellt werden. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Viele Leute können sich so aussuchen, wo sie ihren Strom kaufen. Nur muss der Strom auch verteilt werden und hin und her fließen können. Wenn eine zu große Kapazität für den Handel freigehalten werden muss, dann hat man nur mehr einen gewissen Rest, den man „netzdienlich“ verwenden kann. Das bedeutet, dass nur mehr die verbleibenden 30 Prozent an Kapazität für das gegenseitige „Aushelfen“ der Netzbetreiber zur Verfügung stehen.

ZITIERT

„Mittelfristig müssen wir aber auf jeden Fall das Netz ausbauen und daran wird auch heute schon gearbeitet.“

Daniel Herbst

Was sind die Herausforderungen beim Ausbau der Erneuerbaren für das Stromnetz?
Wenn man in Richtung einer sehr hohen Quote an Erneuerbaren geht, dann hat man immer das Problem, dass der Strom zwischengespeichert werden muss, um Überkapazitäten in erzeugungsschwächere Zeiten zu verschieben. Da sind wir in Österreich mit unseren Pumpspeicherkraftwerken relativ gut versorgt, wobei es auch viele andere zukunftsträchtige und gut beforschte Speichermöglichkeiten gibt. Auch die Elektromobilität könnte für das Netz der Zukunft dienlich sein, weil damit Batteriespeicher zur Verfügung stehen. Man hat bei diesem Konzept viele kleine Energiespeicher in Form von Fahrzeugbatterien, die Überschussstrom aus dem Netz aufnehmen können und bei Bedarf elektrische Energie zurückspeisen. Wir sind allerdings bei Weitem noch nicht soweit, dass jedes Fahrzeug und jede Ladestation in dieses Konzept eingebunden werden können. Eine weitere Möglichkeit wäre auch noch die Integration von Energiespeichern in den Haushalten. Über kurz oder lang werden wir um einen Netzausbau aber nicht herumkommen.

Angenommen die Elektromobilität wird noch stärker ausgebaut, wie verkraftet das das Stromnetz?
100 Prozent Elektromobilität, das wird es wohl auch in Zukunft eher nicht spielen. Nicht nur aus Netzgründen, sondern auch wegen der Herausforderungen beim Schwerverkehr – da wird es möglicherweise eher in Richtung Wasserstofftechnologie gehen.
Aber beim Individualverkehr sehen wir, dass die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen nach oben gehen. Bis zu einem gewissen Grad hält das Netz das auch heute schon aus. Da machen sich die Netzbetreiber schon im Vorfeld Gedanken über den notwendigen Netzausbau, wenn der Individualverkehr mit landesweit verfügbaren Ladestationen mit hohen Ladeleistungen versorgt werden soll.
Bisher hat man beim Netzbetrieb vor allem davon gezehrt, dass bei der Entstehung der großen Netze mit „Angstfaktor“ und Leistungsreserve gebaut wurde. Es gibt Reserven in den Netzen, diese werden aber weniger. Kurzfristig werden wir wenig Probleme bekommen. Mittelfristig müssen wir aber auf jeden Fall das Netz ausbauen und daran wird ja auch heute schon gearbeitet.

Österreich hat sich das Ziel gesetzt, seinen Strom 2030 zu 100 Prozent aus Erneuerbaren zu erzeugen. Wie wahrscheinlich ist das wirklich?
Aktuell ist die Stromproduktion im Bereich von 60 Prozent aus Wasserkraft, das heißt aus erneuerbarer Energie, und das ist auch im europäischen Vergleich sehr gut. Auf der anderen Seite haben wir aber das Problem, dass elektrische Energie nur ca. 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs darstellt. Viele Bereiche der Energienutzung werden von fossilen Quellen hin zu erneuerbaren Energiequellen umgestellt werden können. Man sollte die Wasserstofftechnologie nicht aus den Augen verlieren, Power-to-Gas in verschiedensten Bereichen, vielleicht werden wir damit auch noch energieeffizienter. Es wird eine Mischung aus unterschiedlichsten Technologien werden müssen.

Zur Person
Daniel Herbst, BSc. Dipl-Ing, studierte Elektrotechnik mit Schwerpunkt Energietechnik an der Technischen Universität Graz. Im Rahmen seiner aktuellen Tätigkeit am Institut für Elektrische Anlagen und Netze der Technischen Universität Graz beschäftigt er sich u. a. mit den Themenbereichen Schutzkonzepte im Bereich der Niederspannung, Normung, Sicherheit von DC-Ladestationen für Elektrofahrzeuge und Messtechnik in elektrischen Energiesystemen.

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„Mittelfristig müssen wir aber auf jeden Fall das Netz ausbauen und daran wird auch heute schon gearbeitet.“

Daniel Herbst

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