AK Präsident Erwin Zangerl © AK Tirol/Friedle
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16.2.2021

"Wir müssen Strategie gegen das Virus überdenken"

AK Präsident Erwin Zangerl über die Bekämpfung der Pandemie, politische Profilierungsversuche und warum die Krise nur auf europäischer Ebene gelöst werden kann.

TAZ: Herr Präsident, die letzten Wochen haben gezeigt, dass an ein schnelles Ende der Corona-Pandemie, etwa im Sommer, wohl nicht zu denken ist, die Menschen werden immer unsicherer…
Zangerl: Als die größte Interessenvertretung der Beschäftigten geht es uns immer um Lösungen. Wir müssen darauf achten, dass der Arbeitsmarkt als Grundpfeiler unseres Zusammenlebens wieder in Schwung kommt, davon hängt alles ab. Aber es stimmt: Wir haben ein Chaos bei der Impfstoff-Beschaffung, nationalstaatliche Interessen schlagen durch, bei denen es oft um reine Machtpolitik geht – siehe Deutschland – und sogar eine Reisewarnung Österreichs gegen das eigene Bundesland wurde ausgesprochen. Ich verstehe, wenn die Menschen durch diese Vielzahl an negativen Nachrichten verunsichert werden und auch Entscheidungsträger in den betroffenen Gebieten harscher auftreten. Man hat das Gefühl, es wird mit zweierlei Maß gemessen. Auch deshalb sehen viele kein Licht am Ende des Tunnels.


OFFEN GESAGT

„Wir brauchen rasch wieder eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Krisenbekämpfung.“

Erwin Zangerl, AK Präsident


Die Bekämpfung der Pandemie wurde mit einem Marathonlauf verglichen…
Mag sein, aber wenn, dann denke ich, dass wir im Moment wieder ein Stück zurücklaufen. Nehmen wir die Virusmutationen: Es war klar, dass diese Mutationen auftreten werden und im Übrigen ja in allen Ländern verbreitet sind. Es wird jetzt so dargestellt, als ob das nur in Tirol der Fall wäre, was natürlich unrichtig ist. Ich glaube aber, dass es hier oft weniger um die Sache, sprich um eine gemeinsame Bekämpfung der Ursache geht, als vielmehr um die Profilierung von Politikerinnen und Politikern, auch auf europäischer Ebene. Nachdem die so wichtigen Beliebtheitswerte allerorts langsam sinken und sicher weiter sinken werden, sind Panikreaktionen nicht ausgeschlossen. Wir brauchen aber rasch wieder eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Das betrifft auch den Umgang mit den Mutationen.

Was würden Sie sich wünschen?
Dass Experten nicht medial vorpreschen, sondern innerhalb eines Krisenteams klare Handlungsempfehlungen aussprechen, und dass die Politiker auf dieser Basis klare, nachvollziehbare Strategien entwerfen. Fest steht aber eines: Eine Auf- und Zusperrstrategie drei bis vier Mal im Jahr wird uns in eine Abwärtsspirale führen, die Arbeitsplätze dauerhaft vernichtet. Man kann natürlich auch, wie Deutschland, den Lockdown alle zwei Wochen verlängern, und das über Monate. Die 7-Tages-Inzidenz von unter 50 wird auch ganz Deutschland so nicht erreichen. Abgesehen davon, dass laut Robert Koch-Institut die Pandemie nur bei einer Inzidenz von unter 10 beherrschbar wäre…

Gibt es andere Überlegungen?
Um das hier auch einmal zu sagen: Ich bin ein Fan von Expertinnen und Experten, auch wenn die Bandbreite der Expertisen oft ziemlich groß ist, was auch verunsichert. Sie stehen von politischer Seite natürlich unter Druck und werden auch instrumentalisiert. Es gibt mittlerweile aber europaweit eine sehr große Gruppe renommierter Wissenschaftler, die von einer Null-Corona-Strategie spricht, also das, was Bayern ohnehin schon seit Monaten mit Tirol praktizieren will. Europaweit die Grenzen schließen, vor allem auch nach außen, dann ein zeitlich begrenzter harter Lockdown. Diese Methode hat im Kleinen zu Beginn der Krise bereits einmal funktioniert. Gleichzeitig Impfstoff-Produktion ankurbeln, Impfstoff anschaffen, Impfstrategie neu aufstellen und festlegen, was in Mutationsgebieten wirklich zu tun ist, wie etwa bevorzugt Impfstoffe in solche Hot-Spots zu liefern – bei dem, was jeder Tag Lockdown die Länder bzw. die EU gekostet hat oder kostet, ist das zu finanzieren. Wenn wir aber warten bis jedes Land, jede Region, jede Stadt oder jede Gemeinde sich selbst Impfstoff sichern muss – man hört aus Italien ja bereits solche Meldungen – dann kommen wir in einen Verteilungskampf, der das Chaos nur verschärfen würde. Ich habe es schon einmal gesagt: Es braucht eine europäische Strategie, bei der die klügsten Köpfe eingebunden sind. Das Klein-Klein wird nicht funktionieren. Wo soll das hinführen, wenn Österreich schon die Grenzen zum eigenen Bundesland dichtmacht, ein in unserer Geschichte ja einzigartiger Vorgang. Europa darf aufgrund persönlicher Interessen bzw. Animositäten bei der Bewältigung der Gesundheitskrise nicht scheitern, wie damals bei der Finanzkrise.

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Erwin Zangerl, AK Präsident