5.7.2017
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Rundumschlag von WK-Präsident Bodenseer ist keine konstruktive Hilfe!

Gebetsmühlenartig versorgt Wirtschaftskammerpräsident Jürgen Bodenseer die Öffentlichkeit mit Panikmeldungen. Die heimische Wirtschaft bricht zusammen und Arbeitsplätze sind gefährdet, sollten die Arbeitszeiten nicht flexibler werden. Verantwortlich für Bodenseers herbeigeredete „Misere“ sind – wieder einmal – Gewerkschaften und AK. Anstelle billiger Polemik wäre es jedoch angebracht, sich an stichhaltige Argumente und Fakten zu halten, denn die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben sich beleidigte Sandkastenspiele ebensowenig verdient, wie die Unternehmer.  

Flexibilität: Scheinbar das einzige Zauberwort, das die Wirtschaft am Leben erhält, glaubt man den Aussagen von WK-Präsident Jürgen Bodenseer. Dabei lautet seine Devise Mindestlohn gegen flexible Arbeitszeiten und gleichzeitig werden Arbeiterkammern und Gewerkschaften als „Betonierer“ hingestellt. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind aber kein Spielball für „Tauschgeschäfte“ und Halbwahrheiten. Zumal in Wirklichkeit Politikern und Wirtschafts-Experten bekannt ist, dass es bei den Verhandlungen um mehr geht, als die flexiblere Gestaltung von Arbeitszeit. Denn die gibt es bereits.

So können bereits jetzt zwölf Stunden pro Tag oder 60 Stunden pro Woche gearbeitet werden, wofür hunderttausende Österreicher, die im Schichtbetrieb arbeiten, der Beweis sind. Das alles geht aber nicht ohne Zuschläge. Und das ist der springende Punkt: Beim Ruf nach Flexibilisierung geht es ausschließlich um die Reduktion bzw. Abschaffung von Überstundenzuschlägen. Denn die Wirtschaftskammer will nicht nur bis zu zwölf Stunden am Tag arbeiten lassen, sondern auch die „Normalarbeitszeit“ auf zehn Stunden erhöhen. Das heißt, erst aber der elften Stunde sind Überstunden zu zahlen, was einer Kürzung der Löhne gleichkommt. AK Präsident Erwin Zangerl: „Dass jede zusätzliche Stunde als Überstunde abgegolten wird, wie Bodenseer behauptet, kann höchstens als ‚alternativer Fakt‘ gedeutet werden.  Zudem zeigen die Arbeitnehmer in Österreich täglich, wie flexibel und fleißig sie sind. Sie liegen bei den geleisteten Überstunden weit über dem EU-Schnitt: Mehr als 250 Millionen waren es im Jahr 2015 und davon – man glaubt es kaum – sind 52 Millionen Stunden unbezahlt. In Tirol sind es pro Jahr mehr als 22 Millionen Überstunden, davon fast 5 Millionen Stunden unbezahlt!“

Jetzt will man unter dem Deckmantel der Arbeitszeitflexibilisierung diesen an und für sich unhaltbaren Zustand zum System machen. Ist man dagegen und setzt sich für die Rechte der Beschäftigten ein, wird man in klassischer Manier zum „Betonierer“ gestempelt. „Man kann aber die Regeln nicht dahingehend ändern, dass nur einer bestimmt, wer wann wo und wieviel zu arbeiten hat. Unabhängig von der zusätzlichen Belastung des Einzelnen ist unser Alltag überhaupt nicht darauf ausgerichtet“, so Zangerl. Unzureichende Öffnungszeiten für Kinderbetreuung, Pendlerproblematik, mangelhafte Öffi-Angebote an den Tagesrandzeiten könnten nicht einfach weggeschwiegen werden. „In Tirol schließen derzeit sechs von zehn Kindergärten vor 15 Uhr. Längere Arbeitszeiten für die Eltern würden die Betreuungsprobleme noch vergrößern. Sie sind auf Dauer auch das Ende für das Vereinsleben und das ehrenamtliche Engagement unserer Arbeitnehmer. 15 Millionen Stunden werden in Österreich wöchentlich in unbezahlte Tätigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft investiert. 3,3 Millionen Menschen engagieren sich in ehrenamtlichen Aufgaben für unsere Gesellschaft. Vom weiteren Verlust eines geregelten Familienlebens ganz zu schweigen. Wir liegen bereits jetzt an der Spitze bei den Arbeitszeiten“, stellt Zangerl die Fakten dar.

Auch ist es kontraproduktiv, immer länger zu arbeiten. Es gefährdet die Gesundheit der Arbeitnehmer und führt zu immensen Folgeschäden und -kosten. „Bei der Arbeitszeitdebatte geht es in Wirklichkeit darum, dass Betriebe seit Jahren bei der Personaleinstellung auf der Bremse stehen, trotz deutlich steigendem Arbeitsvolumen. Die Folge davon: Die vorhandene Belegschaft muss noch mehr arbeiten. Jetzt will sich die Unternehmerseite auch die Kosten für Mehrarbeit und Überstunden sparen, indem die Beschäftigten noch länger und noch flexibler eingesetzt werden können. Diese Fakten müssen auf den Tisch kommen und ausdiskutiert werden, ein Darüberfahren über die Arbeitnehmer kommt sicher nicht in Frage“, so Zangerl. Auch beim Thema Mindestlohn, der nun nach vielen Jahren der Diskussion endlich erreicht wurde, wird nun seitens der Wirtschaftskammer bereits Panik verbreitet. Zangerl: „Sieht man sich aber die Entwicklung der Löhne in den letzten zwanzig Jahren an, zeigt sich deutlich, dass die Löhne weit weniger gestiegen sind als die Lohnsteuereinnahmen des Staates, denn die haben sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt. Zudem sind die Lebenshaltungskosten – gerade in Bundesländern wie Tirol – enorm gestiegen. Das sind die Fakten, die ich gerne in den Publikationen der Wirtschaftskammer lesen würde. Eine an sich logische und wichtige Entwicklung wie den Mindestlohn nun sofort in Misskredit zu bringen und gleichzeitig zu glauben, man kann sich damit flexiblere Arbeitszeiten „kaufen“, gibt in der öffentlichen Wahrnehmung kein besonders gutes Bild ab. Deshalb werden wir bei unserer Linie bleiben – und bei den Fakten!“

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