AK Präsident Erwin Zangerl © AK Tirol/Friedle
© AK Tirol/Friedle
17.3.2021

AK Präsident Zangerl im Gespräch: „Freiimpfen statt Freitesten" 

AK Präsident Erwin Zangerl über die Sinnhaftigkeit regionaler Impfschirme, Streitigkeiten aufgrund fehlender Impfstoffe und warum der freie Markt gerade im Gesundheitsbereich eingedämmt werden muss.

Herr Präsident, der Impfschirm über Schwaz, den Sie gefordert haben, wurde aufgespannt, die Impfbeteiligung im Bezirk ist enorm hoch. Ein Schritt in die richtige Richtung bei der Bekämpfung der Pandemie?

AK Präsident Zangerl: Durchaus. Ich habe ja bereits im Jänner auf das Impfproblem hingewiesen, die Lage hat sich schließlich Anfang Februar verschärft. Zu diesem Zeitpunkt wollte man ganz Tirol unter Quarantäne stellen, aufgrund der Mutationen im Bezirk Schwaz. Daraufhin war meine Forderung, mit dem wirksamsten Impfstoff dort zu impfen, wo die Mutationen auftreten. Der jetzt teilweise auftretende ‚Impfneid‘ ist bei der Bekämpfung der Pandemie aber völlig fehl am Platz, da es darum geht, die Ausbreitung von Mutationen zu verhindern. Und das geht logischerweise nur dort, wo sie auftreten.
Natürlich freut mich, dass man endlich erkannt hat, wie wichtig es ist, Modellregionen auszuwählen, hier zu impfen und gleichzeitig eine internationale Studie durchzuführen. Das halte ich für absolut richtig. Andererseits ärgert mich, dass alles so lange dauert, die EU sowie die Nationalstaaten so blauäugig bei der Impfstoffbeschaffung waren und nun viel zu wenig Impfstoff da ist. Man hat hier den Menschen zu schnell Hoffnung auf ein rasches Eindämmen der Pandemie gemacht.

Wäre es sinnvoll gewesen, so wie jetzt in Schwaz, früher gegen die zuerst aufgetretene britische Variante vorzugehen?

Zangerl: Davon betroffene Gebiete auszuwählen und hier zu impfen – durchaus mit den verschiedenen seit Ende Jänner zugelassenen Impfstoffen – hätte viel an Erkenntnis gebracht, die uns nun fehlt. Das habe ich schon Anfang Februar kritisiert. Israel zum Beispiel ist hier allen anderen voraus, zumindest bei den BionTech-Daten.
Aber erst als die Welt inklusive unseres eigenen Staates wieder auf Tirol gezeigt hat und man das völlig unnötige Tirol-Bashing nicht mehr mitmachen wollte, begann ein Umdenken. Selbst wenn wir bei der britischen Variante auch in Österreich mittlerweile eine Pandemie in der Pandemie haben, macht das immer noch Sinn. Denn letztlich wird die weltweit umfangreichste Impfstudie an der großen Zahl derjenigen durchgeführt, die sich impfen lassen wollen. Aussagekräftige Daten sind deshalb Gold wert.

Sie haben in Bezug auf das Chaos bei der Impfstoff-Beschaffung die EU, aber auch die Bundesregierung bereits mehrmals kritisiert…

Zangerl: Auch wenn ich mir dafür viel Kritik anhören musste, steheich dazu. Mittlerweile gab es ja beim Großteil der Politiker ein Umdenken. Dies zeigt auch die Entschuldigung von Kommissionspräsidentin von der Leyen, die man akzeptieren muss, ebenso wie ihre Bemühungen, die Impfprobleme in den Griff zu bekommen.
Von Seiten der Bundesregierung fehlen mir aber klare Worte zu diesem Thema. Wenn man jetzt das Gesundheitsministerium als Sündenbock abstempeln will, ist das ein reines Ablenkungsmanöver. Davon halte ich absolut nichts. Schließlich hat die EU in enger Abstimmung mit den nationalen Regierungen Impfstoffe bestellt. Da kann man sich jetzt nicht allein auf die Europäische Union rausreden. Man hätte frühzeitig als Republik parallel Verträge mit Impfstoffherstellern abschließen und auch an die Produktion denken müssen. Und zwar koste es, was es wolle. Angebote an Österreich hätte es ja gegeben, wie wir mittlerweile wissen. In diesem Bereich zu sparen kostet Menschenleben.

Wo sehen sie die größten Versäumnisse?

Zangerl: Unter anderem im seit Jahrzehnten hochgejubelten freien Markt, der in vielen Bereichen eingedämmt gehört, gerade im Gesundheitswesen. Jetzt hat sich gezeigt, dass sogar die EU ein Opfer dieses freien Marktes geworden ist. Anstatt die Pharmaproduktion auszubauen, ließ man sie abwandern, es gab keine Masken, keine Beatmungsgeräte und in fast allen Ländern zu wenig Intensivbetten. Dies auch deshalb, da Länder im Gesundheitswesen sparen mussten, im Glauben, sie könnten damit ihr Budgetdefizit verkleinern. Das hat viele tausend Tote gefordert. Es gab nirgendwo einen Plan B, weil den auch keiner finanzieren wollte.
Wir können in Österreich froh sein, dass wir einen funktionierenden Sozialstaat haben, dadurch wurde vieles abgefedert. Aber jetzt braucht es endlich eine einheitliche Gesundheitspolitik, die sich nicht dem freien Markt unterwirft. Wir könnten durch die Krise tausende Arbeitsplätze in den gesundheitsrelevanten Bereichen schaffen, Arbeitsplätze, die wir auch in Österreich dringend brauchen würden. Ich hoffe, die Politik ist klug genug und denkt jetzt um.

Probleme gab und gibt es auch bei der Auslieferung…

Zangerl: …weil zu wenig produziert wird und derjenige, der mehr zahlt, eben anschafft. Aber es wäre blauäugig zu glauben, man könnte in wenigen Wochen Milliarden an Impfstoff-Dosen herstellen und das dauerhaft. Da gehts ja nicht um Fast-Food-Produkte. Mag sein, dass Corona der Wunschtraum einiger Pharma-Manager ist. Aber diese Manager sind es auch, die nicht irgendwelche Produktionsstätten errichten, die man erst im Fall einer unmittelbaren Bedrohung wie Corona anwirft. Das ist kein Gesetz des freien Marktes, etwas vorausschauend zu produzieren, etwa für den Fall einer Krise. Produziert wird erst in der Krise, denn es geht im freien Markt einzig und allein um den Profit.

Sind Sie überrascht, dass die Zahl derjenigen, die sich in Schwaz impfen lassen, so hoch ist?

Zangerl: Überrascht und erfreut. Denn es wird die Impfung sein, die uns einen großen Teil Normalität zurückbringen wird. Aber ich sage auch gleich: Man muss die Ängste der Menschen ernst nehmen und dafür sorgen, dass die Gesellschaft durch dieses Thema nicht gespalten wird.


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