13.1.2017
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Aktuelle Studie des Landes blendet wesentliche Fakten aus: Tourismus braucht Lösungen, keine Jubelmeldungen

Mit einer neuen Studie beleuchten die Verantwortlichen des Landes die Sonnenseite der Branche und „untermauern“ die Bedeutung des Tourismus für Tirol. „Eulen nach Athen tragen“, heißt das für AK Präsident Erwin Zangerl. Für ihn werden wesentliche Faktoren ausgeblendet. „Weiterhin fehlen Antworten auf niedrige Kollektivlöhne, schlechte Einkommen und schwierige Arbeitsbedingungen. Ganz zu schweigen von den Folgen der Saisonarbeit für Arbeitnehmer und den Kosten, die von den Unternehmen auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. So betrugen allein die Kosten für die Arbeitslosenversicherung für die Monate Oktober und November 2016 mindestens 19,9 Millionen Euro!“

Licht und Schatten

Licht und Schatten liegen eng beieinander, in kaum einem Wirtschaftszeig kommen sie sie sich jedoch so nah, wie im Tourismus. Von Wertschöpfung, Nächtigungsrekorden und Beschäftigungsmotor ist gern die Rede, weit weniger oft spricht man über niedrige Kollektivlöhne, schwaches Einkommensniveau, vielfach fragliche Arbeitsbedingungen und vor allem die gesellschaftlichen Folgekosten der Saisonarbeit, die in die Millionen gehen. Auch die neue Studie der Tiroler Landesstatistik gibt lieber über ersteres Auskunft und lässt die Schwierigkeiten mit denen Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer sowie Gesellschaft konfrontiert sind geflissentlich außer Acht.

„Ja, der Tourismus ist eine wichtige Triebfeder des Landes und es ist verständlich wenn das Land Tirol die Vorteile hervorhebt. Nicht verständlich ist allerdings, warum die Probleme, die er mit sich bringt, ständig verschwiegen werden. Denn genau auf diese Art werden sie sich nicht lösen lassen. Wir müssen klar und deutlich sagen, was Sache ist, und uns nicht Studien schöninterpretieren“, erklärt dazu AK Präsident Erwin Zangerl.

Für die Tatsache, dass das Land vom Tourismus profitiert, hätte es keine Studie gebraucht, so Zangerl, ebenso wenig dafür, damit sich der Arbeitslandesrat öffentlichkeitswirksam wieder über die Zahl, nicht aber die Qualität der Arbeitsplätze freuen kann. „Besser wäre es, auf die offenen Fragen Antworten zu finden, sich für die Belange der Arbeitnehmer einzusetzen und keine Scheingefechte zu führen, wie bei der Fachkräfte-Debatte“, so Zangerl. Denn bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es sich hier eher um Rekrutierungsschwierigkeiten handelt – die Branche hat Probleme, Arbeitskräfte zu finden, nicht, weil es zu wenige gibt, sondern weil die Arbeitsbedingungen unattraktiv sind. Doch auf welche Ursachen man den wahrgenommenen Personalmangel auch zurückführt, schon allein die Tatsache, dass er besteht, zeigt deutlich die strukturellen Probleme in der Branche.  

Niedrigste Löhne

Zu diesen Problemen zählt die Einkommenssituation, die aufgrund der niedrigen kollektivvertraglichen Mindestlöhne dürftig ist, noch dazu in einem Land, das die höchsten Lebenshaltungskosten aufweist. „Betrachtet man die tatsächlichen Einkommen der Beschäftigten im Tourismus sieht man erst, wie niedrig das Einkommensniveau wirklich ist“, sagt AK Präsident Zangerl. Im Schnitt erzielten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Tiroler Beherbergung und Gastronomie im Jahr 2015 ein Nettoeinkommen von 10.549 Euro, was einem Monatseinkommen von gerade einmal 753 Euro entspräche. „Im Vergleich zum an sich bereits niedrigen Einkommensschnitt in Tirol von 19.272 Euro liegen die Tourismuseinkommen nochmals um 45 Prozent darunter. Und das ist kein Randphänomen. Immerhin befinden sich knapp 54.000 Personen in dieser Gruppe der Niedrigverdiener. Jubelmeldungen sehen anders aus!“, so Zangerl. 

Gesellschaftliche Folgekosten

Von besonderer Sprengkraft neben der schlechten Einkommenssituation sieht Zangerl auch eine sträflich vernachlässigte Größe: die Saisonarbeit sorgt nämlich nicht nur für niedrige Einkommen und Pensionen, sondern verursacht auch enorme Folgekosten für die Allgemeinheit. Denn nur etwas mehr als ein Viertel aller Beschäftigten in Beherbergung und Gastronomie sind das ganze Jahr hindurch in einem Arbeitsverhältnis (Voll- oder Teilzeit), gar nur 18 % sind ganzjährig vollzeitbeschäftigt. Während im Schnitt aller Branchen mehr als zwei Drittel aller Beschäftigungsverhältnisse länger als ein Jahr dauern, sind es in der Gastronomie nur 38 % und in der Beherbergung gar nur 23 %. „Das bedeutet, dass der Großteil der Beschäftigten in seinem Arbeitsjahr ‚Totzeiten‘ hat, die in gemeldeter Arbeitslosigkeit verbracht werden. In den Zwischensaisonen übernimmt oft die Allgemeinheit die Gehaltskosten in Form von AMS-Geldern. Damit werden Unternehmen von der öffentlichen Hand nichts anderes als subventioniert“, erklärt Zangerl. Dabei gehen diese Beträge in die Millionen.

So waren etwa im Oktober 2016 nach Auskunft des Sozialministeriums 11.195 Arbeitslose aus den Branchen Hotellerie und Gastronomie als arbeitslos vorgemerkt, 8.484 davon mit Einstellungszusage, also Überbrücker der Zwischensaison. Im November waren es 12.539 Personen, 9.942 davon mit Einstellungszusage. „Man kann sich ausrechnen, welche Ersparnis allein in der Arbeitslosenversicherung möglich gewesen wäre, hätte der jeweilige Arbeitgeber die Arbeitskraft weiter beschäftigt und die Kosten nicht an die Versichertengemeinschaft ausgelagert“, gibt Zangerl zu bedenken. Nicht einberechnet die Kosten für die Kranken- und Pensionsversicherung sowie der Kaufkraftverlust.

Die durchschnittlich ersparte Höhe an Arbeitsversicherungsleistung für Arbeitslose in Gastronomie und Hotellerie in Tirol beträgt im bisherigen Jahr (2016) pro Person und Tag 27,90 Euro, hält das Sozialministerium fest. Somit ergibt sich allein für die Monate Oktober und November 2016 für Betroffene mit Einstellungszusage eine Summe von knapp 15,7 Millionen Euro, die an die Versichertengemeinschaft ausgelagert wurde. Rechnet man auch die Arbeitslosen in der Hotellerie und Gastronomiebranche in Tirol ohne Einstellungszusage mit, ergeben sich für diese beiden Monate sogar 19,9 Millionen Euro.

„Mir ist bewusst, dass sich solche Fakten nicht öffentlichkeitswirksam verkaufen lassen, aber das sind die Tatsachen, über die wir diskutieren müssen. Wir können die Schattenseiten nicht einfach ausblenden und uns rein auf die Wertschöpfungseffekte berufen. Im Tourismus arbeiten Tausende, die es schwer genug haben ihr Auskommen zu finden, für sie müssen wir endlich auf politischer Ebene Lösungen anbieten und dafür stehe ich jederzeit zur Verfügung, Studie hin, Studie her“, so Zangerl abschließend.

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