3.10.2017
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"Kammer mag man eben"

Erwin Zangerl. Für Tirols Beschäftigte wärs ein Jammer ohne Kammer. Um 7 Euro im Schnitt erhalten die AK Mitglieder großen Wert zum vergleichsweise kleinen Preis.

Herr Präsident, welche Bilanz ziehen sie knapp vor der Nationalratswahl am 15. Oktober? 

Zangerl: Wahltag ist Zahltag, so heißt es. Im Wahlkampf ist viel von Veränderung, neuen Formen des Regierens und Reformstau die Rede. Dabei wird oftmals so getan, als würden die Parteien das Rad neu erfinden. Festzustellen ist, dass wir in einem Land leben, in dem sozialer Friede und Sicherheit herrschen. Es sollte uns auch bewusst sein, dass die Leistungen der Regierung nicht so schlecht gewesen sein können, wie sie jetzt von manchen Gruppen hingestellt werden. Wir verzeichnen einen deutlichen Wirtschaftsaufschwung, sinkende Arbeitslosenzahlen und die Menschen haben wieder mehr Geld in der Tasche. Alles in allem positive Signale. Jetzt sollte dieser Wohlstand auch in allen Teilen der Bevölkerung ankommen. Aus Sicht der Arbeitnehmervertretung wurde die Wahlauseinandersetzung allzu stark auf das Flüchtlings- und Migrationsthema reduziert. Ich gehe davon aus, dass alle Parteien nach der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 ihre Lektion gelernt haben. Daher sollte der Fokus wohl eher auf die Bedürfnisse unserer Bürger gerichtet werden. 

Wo sehen Sie derzeit das größte Konfliktpotential?

Zangerl: Leider gibt es Kräfte, die den Märkten den Vorzug vor den Menschen geben. Sie berufen sich auf die Freiheit des Einzelnen und meinen damit einen schrankenlosen Wirtschaftskapitalismus, dem der Einzelne hilflos ausgeliefert wäre. Das betrifft Arbeitnehmer und Unternehmer. Raubtier-Kapitalismus und das Diktat der Finanzmärkte sind Gift für unsere Gesellschaft. Es braucht gelebte Solidarität statt egoistischer Ellenbogen-Mentalität.

Wie beurteilen Sie in diesem angespannten Umfeld die Aufgabe der Sozialpartner, insbesondere die der Arbeiterkammer?

Zangerl: Für schrankenlosen Neoliberalismus sind die Sozialpartner das Feindbild. Weil wir darauf schauen, dass es in unserem Land fair zugeht: Indem Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf gleicher Augenhöhe am Verhandlungstisch sitzen. Dort werden Lösungen gefunden. Damit die Konflikte nicht auf die Straße oder in die Betriebe getragen werden. Leben und leben lassen – Sozialpartnerschaft bedeutet, trotz unterschiedlicher Interessenslagen einen guten Kompromiss zu finden, mit dem alle leben können und der Garant für sozialen Frieden und Stabilität ist. 

Wie zufrieden sind die AK Mitglieder mit ihrer Vertretung?

Zangerl: Die AK hat die höchsten Beliebtheitswerte bei den Beschäftigten. Wir sind das Schutzhaus, in dem die Sicherheit für unsere Arbeitnehmer großgeschrieben wird: Im Arbeits-, Sozial-, Konsumenten-, Wohn- und Steuerrecht, in Wirtschafts-, Jugend- und Bildungsfragen, in Innsbruck und in allen Bezirken. Das geht nur durch den automatischen Beitrag der AK Mitglieder. Und dieser macht im Schnitt 7 Euro pro Monat aus. Damit hat jedes AK Mitglied einen großen Wert zu einem vergleichsweise kleinen Preis.

Gegner der AK behaupten, eine Abschaffung der automatischen Mitgliedschaft oder eine Kürzung der AK Beiträge wäre ja nicht das Ende der Arbeiterkammer. Was ist davon zu halten?

Zangerl: Diese Behauptung ist noch verlogener. Die AK ist deshalb gegenüber Staat und Politik so stark, weil wir mehr als 3,6 Millionen Mitglieder haben, die einen vergleichsweise niedrigen solidarischen AK Beitrag automatisch leisten – im Schnitt 7 Euro im Monat. Übrigens: 816.000 Mitglieder sind vom Beitrag befreit - Arbeitsuchende, Karenzierte, Präsenz- und Zivildiener, Lehrlinge und geringfügig Beschäftigte. Der Einzelne erspart sich dann bei einer Halbierung vielleicht 3,50 Euro – das ist ein Cappuccino im Monat! Aber das gesamte Leistungs- und Förderungsangebot der Arbeiterkammer müsste heruntergefahren werden, weil in Summe dann nur noch die Hälfte der Mittel zur Verfügung stehen würden. Betroffen davon sind dann vor allem diejenigen, die sich keinen Anwalt und keine teure Versicherung leisten können. 

Was halten die Mitglieder von ihrer Arbeiterkammer?

Zangerl: Auch, wenn die Arbeiterkammer in den letzten Monaten vermehrt Angriffen und Unterstellungen ausgesetzt war, wissen die Tiroler Arbeitnehmer, was sie an ihr haben. So zeigt die Umfrage des market Instituts im Auftrag der AK deutlich, dass nach Meinung der Tiroler Beschäftigten die Arbeiterkammer zu den Organisationen zählt, auf die man nicht verzichten möchte (54 %). Die Arbeiterkammer liegt damit deutlich vor den Parteien bzw. politischen Organisationen (20 %). Überaus erfreulich ist auch der hohe Zuspruch, wenn es um die Frage geht, wer die besten Ideen für die Zukunft des Landes liefert. Mit 32 % liegt die Arbeiterkammer hier unangefochten an der Spitze.  Am wenigsten vertrauen die Tiroler auf die Zukunftskonzepte von Industriellenvereinigung (9 %) und neos (7 %), deren ständiger Ruf nach einer Beschneidung der Kammern und Aushöhlung der Arbeitnehmerrechte abgestraft wird. Wie wichtig die AK für die Beschäftigten ist, zeigt sich auch bei der nach wie vor brennenden Frage, ob die Arbeitszeiten verlängert werden sollen. 64 % hoffen, dass sich AK und Gewerkschaften gegen eine Ausweitung stark machen. Ein klarer Auftrag für die Zukunft! 

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