13.3.2017
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Flexibel ohne Grenzen?

Kinderbetreuung, Öffentlicher Verkehr, Ehrenamt: Unser Familien- und Gesellschaftsleben funktioniert nicht mit längeren, flexibleren Arbeitszeiten. Überstunden müssen Überstunden bleiben und als solche auch korrekt abgerechnet und bezahlt werden,“ verlangt AK Präsident Erwin Zangerl.

Herr Präsident, die Diskussion über die Arbeitszeit hat zu Besorgnis bei den Beschäftigten geführt. Wie sehen Sie die Situation? 

Zangerl: Die Wirtschaft spricht immer von starren Regelungen, die ihre unternehmerischen Aktivitäten bremsen würden. Sie sagt aber nicht dazu, dass flexible Arbeitszeiten schon jetzt in vielen Branchen gelten. Vielmehr geht es um die Ausweitung der bereits bestehenden Möglichkeiten von Zwölf-Stunden-Arbeitstagen. Wenn im Betrieb länger gearbeitet werden muss, bietet die aktuelle Rechtslage ausreichend Spielraum. Allerdings müssen die Unternehmen die Bedingungen dafür mit den Arbeitnehmern aushandeln. Jetzt wollen die Unternehmen offenbar die Regeln dahingehend ändern, dass sie alleine darüber bestimmen wollen, wann und wieviel zu arbeiten ist. Unabhängig von der zusätzlichen Belastung des Einzelnen, ist unser Alltag überhaupt nicht darauf eingerichtet. Die Stichworte dazu: Unzureichende Öffnungszeiten für Kinderbetreuung, Pendlerproblematik, mangelhafte Öffi-Angebote an den Tagesrandzeiten. In Tirol schließen derzeit sechs von zehn Kindergärten vor 15 Uhr. Längere Arbeitszeiten für die Eltern würden die Betreuungsprobleme noch vergrößern. Sie sind auf Dauer auch das Ende für das Vereinsleben und das ehrenamtliche Engagement unserer Arbeitnehmer. Mehr als 15 Millionen Stunden werden wöchentlich in unbezahlte Tätigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft investiert. 3,3 Millionen Menschen engagieren sich in ehrenamtlichen Aufgaben für unsere Gesellschaft. Vom weiteren Verlust eines geregelten Familienlebens ganz zu schweigen. Wir liegen bereits jetzt an der Spitze bei den Arbeitszeiten.

Sehen Sie noch weitere Problemfelder?

Zangerl: Immer mehr und immer länger arbeiten ist kontraproduktiv. Es gefährdet die Gesundheit der Arbeitnehmer und führt zu immensen Folgeschäden und -kosten. Bei der Arbeitszeitdebatte geht es in Wirklichkeit darum, dass Betriebe seit Jahren bei der Personaleinstellung auf der Bremse stehen, trotz deutlich steigendem Arbeitsvolumen. Die Folge davon: Die vorhandene Belegschaft muss mehr arbeiten. Jetzt will sich die Unternehmerseite auch die Kosten für Mehrarbeit und Überstunden sparen, indem die Beschäftigten noch länger und noch flexibler eingesetzt werden können.

Sind kürzere Arbeitszeiten eine Alternative?

Zangerl: Laut jüngster WIFO-Studie ist jeder vierte Arbeitnehmer mit seiner Arbeitszeit unzufrieden, 19 % würden gerne weniger arbeiten und 9 % lieber mehr. Auffallend ist auch der eklatante Unterschied bei den Arbeitszeiten zwischen Männern und Frauen. Im Schnitt arbeiten Männer um 8,2 Stunden länger. Die Arbeitnehmer leisten pro Jahr mehr als 250 Millionen Überstunden. In Tirol werden pro Jahr mehr als 22 Millionen Überstunden geleistet, davon fast 5 Millionen Stunden unbezahlt! Deshalb müssen bei allen Debatten zur Arbeitszeit Überstunden auch Überstunden bleiben. Denn sie stellen für viele Beschäftigte einen wichtigen Lohnbestandteil dar.

Wäre mehr Teilzeit eine Lösung?

Zangerl: Es gibt genug Männer, die bereit wären, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Dazu müsste aber die vorhandene Arbeit gerechter aufgeteilt und fairer entlohnt werden. Teilzeit ist unter den derzeitigen Rahmenbedingungen alles andere als zukunftstauglich: Teilzeit bedeutet halben Lohn und das wiederum bedeutet im Alter nur halbe Pension. 

Wie stehen Sie zur Frage der Überstunden?

Zangerl: Wir werden die Arbeitnehmer nicht im Stich lassen. Überstunden müssen Überstunden bleiben, denn Zeit ist Geld. Arbeitszeiten sollen wie bisher über den Kollektivvertrag geregelt werden. Es braucht ausreichend Ruhezeiten und selbstbestimmte Freizeit zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.  Statt überlanger Arbeitszeiten müssen aus gesundheitlichen und beschäftigungspolitischen Gründen eine gerechtere Verteilung der Arbeit, die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche sowie eine generelle Arbeitszeitverkürzung angestrebt werden. Bei der Teilzeit soll ein 50 % Zuschlag ab der ersten Stunde Mehrarbeit gelten.

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