10.12.2019

AK Präsident Zangerl: „Wir brauchen klare Verhältnisse!“

Von einer Regierungsbildung im Zeichen von Polit- und Spesenaffären über den Klima-Notstand bis hin zu permanent steigenden Lebenshaltungskosten: Die Verunsicherung in der Gesellschaft steigt. AK Präsident Erwin Zangerl warnt: „Wir brauchen klare Verhältnisse, denn es geht nicht um Maschinen, sondern um Menschen.“

TAZ: Herr Präsident, der Advent wird oft als stillste Zeit im Jahr bezeichnet. Mittlerweile scheint das aber nur noch ein reines Schlagwort zu sein…
Zangerl:
Leider. Von Andacht und Besinnung spüren viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesen Tagen wenig. Gerade die zahlreichen Beschäftigten im Handel können ein Lied davon singen, allerdings kein Weihnachtslied. Der Druck auf die Arbeitnehmer steigt permanent und anstelle sich Gedanken zu machen, wie sie entlastet werden könnten, werden für die Branchen oft Lohnabschlüsse angeboten, die meist nicht einmal die Inflationsrate erreichen.

TAZ: Welche Ventile müsste man öffnen, um Druck aus dem Kessel zu nehmen?
Zangerl:
Wir dürfen nicht vergessen, dass es hier um Menschen geht und nicht um Maschinen oder irgendeine Ware. Gerade ohne den Einsatz und die Leistung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hätte dieses Land ein massives Problem. Und ihre Leistung muss wirklich honoriert werden. Allerdings ist das bisher auch nur ein Schlagwort, wie das vom ‚stillen Advent‘…     

TAZ: Was müsste sich konkret ändern?
Zangerl:
Zu allererst braucht es rasch einen Ausgleich: die leichtere Erreichbarkeit der 6. Urlaubswoche, das Recht auf die 4-Tage-Woche sowie Arbeitszeiten, bei denen Freiwilligkeit, Planbarkeit und vor allem Mitbestimmung gelten. Wem nützt es, wenn Sie am 24. Dezember um 18 Uhr nach Hause kommen und Sie sind völlig ausgebrannt? Das ist das falsche Licht, das da abbrennt. Dann brauchen wir endlich konkrete Maßnahmen gegen die Armut. Jedes Kind und jeder Erwachsene, der in Armut oder an der Armutsgrenze leben muss, ist einer zuviel. Und wir dürfen nicht glauben, dass Armut in Tirol kein Thema ist, im Gegenteil. In Wirklichkeit wird es eines der bestimmenden Zukunftsthemen sein.

TAZ: Aus welchem Grund?
Zangerl:
Nehmen Sie nur die große Zahl derer, die als working poor gelten, also Menschen, die trotz Vollzeitarbeit von ihrem Lohn nicht leben können. Oder die große Zahl an Saison- und Teilzeitbeschäftigten. Wir weisen permanent darauf hin, dass sich solche Beschäftigungsformen massiv auf die Pensionen auswirken – was dann droht, ist die Altersarmut. Wir brauchen nur über die Grenze zu blicken: In einem reichen Land wie Deutschland wachsen die Schlangen vor den Gratis-Essensausgabestellen und viele können sich aufgrund von Hartz IV, Riester-Rente und hohen Mietkosten Leben und Wohnen nicht mehr leisten. Was dann? Ab auf die Straße? Das sind Probleme, vor denen wir auch in Tirol nicht die Augen verschließen können. Denn gerade bei uns sind Mieten und Lebenshaltungskosten bereits enorm hoch.  Das ist natürlich auch für die Jungen eine Belastung.

TAZ: Mit ein Grund, warum die AK einen Mindestlohn fordert?
Zangerl:
Natürlich. Ich unterstütze die Forderung nach einem Mindestlohn von 1.700 Euro vollauf. Weiters gehört die kalte Progression endlich abgeschafft. Die Arbeitnehmer füllen ohnehin permanent die Kassen des Finanzministers. Wir brauchen mehr Geld für Ausbildung, mehr Geld, um Arbeitslosigkeit zu verhindern, mehr Geld für das AMS und mehr ganzjährige Vollzeitarbeitsplätze, von denen man auch leben kann.

TAZ: Sie haben vor kurzem auch die Gesundheitspolitik als ‚erkrankt‘ bezeichnet…
Zangerl:
Unser Gesundheitssystem muss uns etwas wert sein. Es darf nicht sein, dass auf dem Rücken der Patienten und der Beschäftigten fusioniert und gespart wird. Einerseits wird davon gesprochen, dass die Pflegeberufe attraktiv sein sollen, andererseits entwirft man Gehaltsschemata, die lächerlich sind. Wenn wir das Gesundheitssystem kaputtsparen oder für einige wenige zum Goldesel machen, erreichen wir nur, dass sich immer weniger Menschen das Kranksein oder Altwerden leis-ten können. Aber da geht es doch bitte nicht um Altpapier, das man einfach wegwerfen und recyclen kann. Deshalb braucht es auch hier endlich klare Verhältnisse im Sinne der Menschen.

offen gesagt

„Unser Gesundheitssystem muss uns etwas wert sein. Es darf nicht sein, dass auf dem Rücken der Patienten und der Beschäftigten fusioniert und gespart wird.“

„Jedes Kind und jeder Erwachsene, der in Armut oder an der Armutsgrenze leben muss, ist einer zuviel. Und wir dürfen nicht glauben, dass Armut in Tirol kein Thema ist, im Gegenteil.“ 

„Der Druck auf die Arbeitnehmer steigt permanent und anstelle sich Gedanken zu machen, wie sie entlastet werden könnten, werden für die Branchen oft Lohnabschlüsse angeboten, die meist nicht einmal die Inflationsrate erreichen.“

Erwin Zangerl,
AK Präsident


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offen gesagt

„Unser Gesundheitssystem muss uns etwas wert sein. Es darf nicht sein, dass auf dem Rücken der Patienten und der Beschäftigten fusioniert und gespart wird.“

„Jedes Kind und jeder Erwachsene, der in Armut oder an der Armutsgrenze leben muss, ist einer zuviel. Und wir dürfen nicht glauben, dass Armut in Tirol kein Thema ist, im Gegenteil.“ 

„Der Druck auf die Arbeitnehmer steigt permanent und anstelle sich Gedanken zu machen, wie sie entlastet werden könnten, werden für die Branchen oft Lohnabschlüsse angeboten, die meist nicht einmal die Inflationsrate erreichen.“

Erwin Zangerl,
AK Präsident