20.10.2017
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Bei Lebensversicherungen wurden Intransparenz, hohe Gesamtkostenbelastung und teilweise trickreiche Produktgestaltung festgestellt

Der VKI hat im Auftrag der AK Tirol verschiedenste (Tarif-)Angebote von Lebensversicherungen analysiert. Die Ergebnisse der Studie untermauern die AK Forderung nach transparenten, nachvollziehbar dargestellten sowie standardisierten Berechnungsparametern. Nur so wird ein Vergleich der einzelnen Produkte überhaupt erst möglich. Ebenso notwendig ist eine Senkung der Gesamtkostenbelastung in allen Bereichen der Lebensversicherung.

Auf über 600 Milliarden Euro beläuft sich das Finanzvermögen privater Haushalte in Österreich. Ein Viertel dieses Finanzvermögens steckt in überwiegend gering verzinsten Wertpapieren, Investmentzertifikaten und Lebensversicherungen und ist damit so veranlagt, dass der Inflationsverlust kaum ausgeglichen wird. Obwohl die Zinslandschaft der letzten Jahre den Markt extrem verändert hat, sind viele Produkte von der Struktur her gleich geblieben und wurden nicht entsprechend angepasst. Das gilt für klassische als auch fondsgebundene Lebensversicherungen.

Aber wie können Konsumenten das für sie richtige Angebot finden? Worauf sollten sie achten, und welche „Tricks“ sollten sie kennen?

Soviel vorweg: Um Angebote im Bereich Lebensversicherungen durchschaubarer und vergleichbarer zu machen, wurde mit Anfang 2016 eine Verordnung erlassen, die detaillierte Informationspflichten vorsieht. Formal halten sich die Versicherer an diese Vorgaben, indem Modellrechnungen und tabellarische Darstellungen der Kosten in den Angeboten abgebildet werden.

Und doch: VKI entlarvt Intransparenz und „Tricks“
Der Verein für Konsumenteninformation VKI hat im Auftrag der AK Tirol in der neuen Studie „Die Tricks der Lebensversicherer“ aktuelle Angebote und Tarife analysiert. (Mehr dazu finden Sie auch im neuen Konsument-Magazin, das den Tirolerinnen und Tirolern in den nächsten Tagen kostenlos zugestellt wird.)
Bei ihren Erhebungen stießen die Experten auf Intransparenz und „Tricks“ bei der Angebotsgestaltung, den Modellrechnungen und Kostendarstellungen. Diese können bis zum Vertragsablauf zu Ergebnisschwankungen von mehreren Tausend Euro führen!

Einige Ergebnisse im Detail:

  • Bei der Durchrechnung und vor allem bei der Einrechnung aller Kosten gibt es keine einheitliche Linie. Das führt dazu, dass ein Vergleich der aktuellen Angebote und Tarife für Verbraucher unmöglich wird. Die Produktanbieter konstruieren mit viel Kreativität bei der Kostengestaltung und Gewinnbeteiligung Produkte, die selbst bei identischen Ausgangsbedingungen kaum mit einem anderen Angebot vergleichbar sind.
  • Auch für Vermittler von Lebensversicherungen wird ein Marktvergleich immer komplexer und aufwendiger. Es ist davon auszugehen, dass aufgrund der unterschiedlichsten Berechnungsmethoden, Kostenbestandteile, Veranlagungsoptionen und vielem mehr auch für Vermittler ein Marktüberblick verunmöglicht wird. Informationen zu laufenden Kosten der Veranlagung, zur Fondskosten-Rückerstattungen, zu nicht garantierten Zusatzgewinnen oder zusätzlichen veranlagungsbezogenen Kosten fallen oft unter den Tisch. Weil all das in den Angeboten somit nicht miteingerechnet oder unterschiedlich berücksichtigt ist, wird auch unmöglich gemacht, das „beste“, kostengünstigste Produkt im Tarifdschungel zu finden. Das führt dazu, dass immer wieder Produkt-Veranlagungs-Kombinationen angeboten und erfolgreich verkauft werden, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.
  • Die gängige Praxis, möglichst komplexe Produkte zu generieren, um die Vergleichbarkeit einzuschränken, hat zur Folge, dass die Produktzyklen immer kürzer werden und eine hohe Fluktuation an Produkten besteht. Häufig werden nicht funktionierende Tarife wieder eingestampft und neue aufgelegt.

AK Forderungen


Um einen Vergleich zu ermöglich und dem Verbraucher eine Entscheidungsgrundlage zu geben, ist es unabdingbar, die gesamte Kostensituation inklusive Verlauf und Auswirkungen darzustellen. Die Kalkulationsgrundlagen, die einem Tarif oder Angebot zugrunde liegen, sind wichtig und entscheidend. Es müssen alle Parameter offen gelegt und transparent nachvollziehbar dargestellt werden.

AK Präsident Erwin Zangerl: „Viele Konsumenten sind aufgrund der Komplexität der Produkte überfordert, die Enttäuschung nach Ablauf der Verträge ist oftmals groß. Wenn bei 30-jähriger Vertragslaufzeit, zusammen mit laufenden Verwaltungskosten, fünf Jahre lang fast 50 % des Geldes für die Bezahlung der Kosten verwendet werden, läuft etwas falsch.“ Eine Senkung der Gesamtkostenbelastung ist in allen Bereichen der Lebensversicherung notwendig – insbesondere auch bei den Verwaltungs- und Veranlagungskosten. Erforderlich wäre, klare rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Interessen der Konsumenten entsprechend zu wahren.

Auch ein verstärktes Angebot von ungezillmerten Tarifen (= Verteilung der Abschlusskosten auf die gesamte Laufzeit) oder die Einführung eines Höchstzillmersatzes könnten zu Verbesserungen führen. Dadurch sollten auch bei vielen Verträgen, die vorzeitig wieder gekündigt werden, höhere Rückkaufswerte zu erreichen sein, und Druck auf die Abschlusskosten bzw. deren Höhe ausgeübt werden. Es fehlen derzeit auch klare und eindeutige Regeln zur Vergleichbarkeit von Angeboten und Modellrechnungen, ebenso eine verbindliche praxisnahe Darstellung aller Produktkosten oder Gewinnbeteiligungsszenarien. Einheitliche Berechnungsgrundlagen könnten nicht nur den Verbrauchern, sondern auch den Vermittlern faire Entscheidungsgrundlagen liefern. Nur durch Kombination einer Gesamtkostenbetrachtung (All-in), gepaart mit einer Gesamtkosten-Performance-Analyse (All-in-History) sind gute Produkt-Anlagekombinationen zu finden.

Tipps für Konsumenten

  • Verlauf beachten: Achten Sie nicht nur auf die prognostizierten Endergebnisse, lassen Sie sich von Ihrem Berater auch den Verlauf zeigen. Gewinn-/Verlust-Grafiken zeigen hohe Abschlusskosten zu Beginn am deutlichsten.
  • All-in-Berechnung: Verlangen Sie von Ihrem Berater eine Hochrechnung, die alle Kosten berücksichtigt. Nur so können Sie versteckte Kosten und trickreiche Berechnungen entlarven. Lassen Sie sich nicht durch Fondsrenditen beeindrucken – davon kommen noch jede Menge Kosten und Steuern weg.
  • Unsichere Gewinnzusagen: Produkte, bei denen höhere Kosten fixiert werden und im Gegenzug eine Gewinnbeteiligung in Aussicht gestellt wird, bringen keine erkennbaren Vorteile. Günstige Angebote, bei denen die Kosten über die gesamte Laufzeit fixiert sind und die ohne Gewinnzusagen auskommen, sind zu bevorzugen.
  • Umsteigen oder bleiben? Ob ein Wechsel von einem teuren, wenig ertragreichen Produkt zu einem anderen ratsam ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Unter anderem davon, wie lange der bestehende Vertrag schon läuft, wie lange er laut Vereinbarung noch laufen soll und vor allem welche Kosten mit einem Umstieg verbunden sind. Erfahrungen zeigen, dass eher zu häufig gewechselt wird. Andererseits finden sich immer wieder Produkt-Veranlagungs-Kombinationen,  die in der bestehenden Form aufgrund der hohen Kosten kaum eine Chance auf Gewinne haben. Aufgrund der Komplexität und Intransparenz vieler Produkte kann bei der Entscheidung eine Prüfung durch einen oder mehrere Versicherungsberater oder Versicherungsmakler des Vertrauens hilfreich sein. Wesentlich ist jedoch, dass künftig entsprechend „einfache“ und transparente Produkte auf den Markt kommen, die es dem einzelnen Verbraucher, aber auch dem Vermittler überhaupt ohne größere Schwierigkeiten ermöglichen, das „beste“, kostengünstigste Produkt im Tarifdschungel zu finden.

Zwei Beispiele zur Veranschaulichung:

Beispiel 1) Im Angebot einer klassischen Lebensversicherung weist Anbieter A in der Modellrechnung eine Gesamtverzinsungsannahme von 2,5 % aus. In den Fußnoten ist zu lesen, dass zum Rechnungszinssatz ein Zinsgewinnsatz eingerechnet ist. Nur in den Bedingungen ist zu lesen, dass dieser Zinsgewinnsatz 0,6 % beträgt. Der Anbieter kalkuliert also nicht mit 2,5 %, sondern mit 3,1 % Gesamtverzinsung. Das führt dazu, dass im Angebot bei einer 30-jährigen Laufzeit und 100 Euro Einzahlung pro Monat und 2,5 % angegebener Rendite pro Jahr ein Gewinn von 13.209 Euro ausgewiesen wird. Rechnet man nur mit 2,5 % Gesamtverzinsung (also ohne „Zinsgewinnsatz“) reduziert sich dieser auf 8.414 Euro. Im Vergleich zu anderen Anbietern, sieht das „geschönte“ Angebot naturgemäß besser aus.

 

Beispiel 2) Noch gravierender sind die Auswirkungen in der fondsgebundenen Lebensversicherung. Anbieter B weist in der Kostentabelle des Angebotes eine Gesamtkostenquote von 10,59 % aus. Das führt im oben genannten Modell bei einer Anlagenettorenditeannahme von 4 % zu einem Gewinn von 19.833 Euro (netto 2,77 %) – im Angebot der Versicherung. Rechnet man allerdings die im Angebot und den Bedingungen zu findenden maximal möglichen Gesamtkosten (15,35 %!), zusätzliche interne Veranlagungskosten und zusätzlich die laufenden Kosten des Fonds, ergibt sich ein gänzlich anderes Bild. (Die laufenden Kosten des Fonds sind deshalb zu berücksichtigen, da daraus Produktanbieter Provisionen bis zu 1,3 % erhalten und somit als Produktkosten zu werten sind.) Bei einer Marktrenditeannahme von 6 % und laufenden Fondskosten von 2,81 % bleibt nur mehr ein Nettogewinn von 8.506 Euro (1,37 %) über. Von 6 % Marktrendite bleiben also nur mehr 1,37 % netto, die Differenz ist Kostenabrieb! Ein krasser Unterschied zur Differenz laut Angebot, wo von 4 % stolze 2,77 % netto bleiben. Die Gesamtkostenquote kann also tatsächlich mehr als doppelt so hoch sein, wie im Angebot dargestellt. Die Gesamtkostenbelastung ist dramatisch, wenn man bedenkt, dass 6 % Marktrendite nicht mehr ausreichen, um den Inflationsverlust (Annahme 2 %) abzudecken.

 

Zur Studie


Erhebungsmodus:
Mittels Modellrechnungen (Vertrag mit einer Laufzeit von 30 Jahren und einer monatlichen Einzahlung von 100 Euro) unter Berücksichtigung aller anfallenden Kosten aus den Angeboten und den zugrundeliegenden Allgemeinen und Speziellen Versicherungsbedingungen wurden verschiedenste (Tarif-)Angebote der Versicherer mit den tatsächlichen Ergebnissen (unter Berücksichtigung aller Parameter und Kosten) verglichen, um mögliche „Tricks“ bzw. Abweichungen aufzuzeigen. Damit soll einerseits ein standardisierter Vergleich durchgeführt werden, andererseits sollen auch die Unterschiede zwischen den Angeboten der Versicherer und den tatsächlichen Ergebnissen (unter Berücksichtigung aller Parameter und Kosten) aufgezeigt werden können.

Bisher wurden Modellrechnungen regelmäßig nur von den Produktanbietern selbst erstellt, diese berechnen jedoch oftmals nicht alle notwendigen Parameter wie laufende Kosten der Veranlagungen, Fondskostenrückerstattungen, zusätzliche veranlagungsbezogene Kosten oder nicht garantierte Gewinnbeteiligungen bzw. werden diese Parameter unterschiedlich berücksichtigt.

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