7.9.2016
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Große AK Schulkostenerhebung: Tirols Eltern müssen jährlich bis zu 1.170 Euro pro Kind zum Schulbetrieb zuschießen

Schule kann Eltern teuer zu stehen kommen, vor allem aufgrund der „versteckten Schulkosten“ für Exkursionen, Ski- und Sprachkurse, Nachmittagsbetreuung, Laptop etc. Aber wie hoch dieser Betrag übers Jahr gerechnet ist, darüber konnte man bislang bestenfalls spekulieren. Jetzt präsentiert die AK mit ihrer Schulkostenerhebung erstmals Fakten. In Tirol haben 155 Haushalte mit 285 Schulkindern teilgenommen und von Juli 2015 bis Juni 2016 alle schulisch bedingten Ausgaben dokumentiert. Das Ergebnis bestätigt so manche Befürchtung.

Wussten Sie, dass in Tiroler Haushalten mit niedrigem Einkommen der Schulbesuch der Kinder teilweise mehr als ein gesamtes Monats-Nettoeinkommen verschlingt? Und dass in 4,1 % der Familien eines oder mehrere Kinder eine spezielle schulische Ausbildung, wie maturaführende Schule oder HTL nicht ergreifen konnte, weil dies für die Familie zu teuer wäre?

Das sind nur zwei Ergebnissen der AK Schulkostenerhebung. Sie belegt mit Langzeitdaten: Eltern müssen für den Schulbesuch immer tiefer in die Tasche greifen.

Schleichende Privatisierung in der Schule – Wenigverdiener im Nachteil
Bis zu 1.170 Euro pro Kind und Jahr – so viel müssen Tirols Eltern durchschnittlich zum Schulbetrieb zuschießen. Im Österreich-Schnitt sind es sogar bis zu 1.300 Euro. Eltern zahlen für zusätzlich von der Schule verlangte Schulbücher, für Kopien oder den Spind, sollen den Kindern ab einem bestimmten Alter einen Laptop oder ein Tablet kaufen und Sport- oder Sprachwochen finanzieren. Das ergibt die große Schulkostenerhebung der Arbeiterkammer, für die in Tirol 155 Haushalte mit 285 Schulkindern ein Jahr lang Monat für Monat ihre Schulausgaben aufgezeichnet haben. Insgesamt nahmen 1.294 Mütter oder Väter mit insgesamt 2.123 Kindern in Wien, Niederösterreich, dem Burgenland, Salzburg und Tirol an der großen AK Schulkostenerhebung teil.

Die AK fordert, dass die öffentliche Schule tatsächlich öffentlich finanziert wird und die Eltern von Zusatzkosten entlastet werden. Vor allem sollen die Schulen nach einem Chancen-Index finanziert werden, der den Familienhintergrund der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt. „All diese Kostentreiber sind dafür verantwortlich, dass die Chancen auf Bildung immer öfter vom Einkommen der Eltern abhängen“, betont AK Präsident Erwin Zangerl. „Das ist untragbar, weil wir uns damit immer mehr von der Bildungsgerechtigkeit entfernen. Denn Bildung muss allen offenstehen!“

Wie die Erhebung zeigt, steigt die finanzielle Belastung, je „höher“ die Schule ist.
In Tirol geben Eltern für ein Schulkind im Schnitt über alle Schultypen 730 Euro pro Schuljahr aus: Von durchschnittlich 430 Euro für Volksschüler über 690 Euro für Kinder in der Neuen Mittelschule und im Schnitt 997 Euro in der AHS-Unterstufe bis hin zu 992 Euro an Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen bzw. 1.170 Euro in der AHS-Oberstufe.
Im Durchschnitt aller fünf beteiligten Bundesländer betragen die Gesamtausgaben der Familien in der Volksschule noch durchschnittlich 522 Euro pro Jahr und Kind, in der Oberstufe der Gymnasien bereits rund 1.300 Euro.

Damit die Schule billiger wird, verlangt die Arbeiterkammer
  • ein Schulkostenmonitoring, durch das die Ausgaben der Eltern systematisch beleuchtet und gesenkt werden können
  • Die Schulbeihilfen gehören längst wieder erhöht
  • Der Besuch von Ganztagsschulen soll für die Familien kostenlos sein
  • Mit einer Schulfinanzierung nach dem Chancen-Index sollen unterschiedliche familiäre Voraussetzungen der Schulkinder ausgeglichen werden

Die Erhebung im Detail


Extra-Ausgaben der Familien für an sich kostenlose öffentliche Schulen: Dass das gang und gäbe ist, ist keine Neuigkeit. Die Arbeiterkammern in Tirol, Salzburg, Wien, Niederösterreich und dem Burgenland wollten es genau wissen und haben Eltern mit Kindern in allen Schultypen und Schulstufen gebeten, von Juli 2015 bis Ende Juni 2016 diese Ausgaben Monat für Monat aufzuzeichnen. Als Dankeschön verloste die AK Tirol unter den 155 Familien, die in Tirol mitgemacht haben, drei Hauptpreise in Höhe von 1.000, 600 und 300 Euro sowie 10 Mal 100 Euro – als Beitrag zu den Schulkosten.

Bei den Ergebnissen fällt auf, dass die Ausgaben je nach Schultypen stark variieren. Nach der Volksschule steigen sie von Schultyp zu Schultyp.
In Tirol beliefen sie sich auf bis zu 1.170 Euro, soweit die durchschnittlichen Ausgaben für Kinder in der Oberstufe eines Gymnasiums.
Im Schnitt der fünf Bundesländer beliefen sie sich in der Oberstufe der Gymnasien sogar auf bis zu 1.299 Euro pro Kind und Jahr.

Schulausgaben der Eltern nach Schultyp
in Euro; Durchschnitt je Kind                   Tirol                alle 5 Bundesländer
Gymnasium, Oberstufe                  1.170 Euro               1.299 Euro
Berufsbildende Schulen                    992 Euro               1.176 Euro
Gymnasium, Unterstufe                    998 Euro                 969 Euro
Neue Mittelschule                            690 Euro                 833 Euro
Volksschule                                     430 Euro                 522 Euro
Durchschnitt aus allen Schultypen      730 Euro                 855 Euro

Tiroler Ergebnisse im Vergleich. Die durchschnittlichen Ausgaben sind in Tirol zwar niedriger als im gesamten Vergleich aller teilnehmenden Bundesländer. Allerdings sind nicht nur die Ausgaben für Schreibwaren und Materialien in Tirol höher als der Durchschnitt der verglichenen Bundesländer, sondern auch die Kosten für Bekleidung, Schuhe und EDV. Dafür müssen die Eltern in Tirol im Vergleich weniger bei den ein- und mehrtägigen Schulveranstaltungen, den Beiträgen und Selbstbehalten ausgeben. Hier scheinen die Tiroler Schulen in der Regel sparsamer zu agieren, wobei es natürlich auch in Tirol Ausreißer über 800 Euro gibt.
Auch die Kosten für Nachhilfe fallen in Tirol geringer aus.

Wofür die Tiroler Eltern zahlen – vom Spind bis zum Computer


Der Bogen der Extra-Ausgaben für die Schule spannt sich in Tirol vom Spind in der Schule über besonders hohe Ausgaben für den Skikurs, die Sportwoche oder die Sprachreise bis hin zum Tablet oder Laptop in der Oberstufe, wobei bei manchen Ausgaben unverständlich bleibt, warum sie die Eltern zahlen sollen.

1. Spind und andere Ärgernisse
Rund ein Sechstel (16 Prozent) der durchschnittlichen Schulausgaben der Tiroler Eltern sind in der AK Erhebung unter den Rubriken „Beiträge und Selbstbehalte“ und „Sonstiges“ zusammengefasst. Dort berichten die Eltern von belastenden Ausgaben, wie Miete für Schulspinde, Kosten für Kopien von Unterrichtsmaterialien, für Material für den Werkunterricht, Beiträgen zur Klassenkassa oder zum Weihnachtswichteln. Inbegriffen sind hier auch der Anfang der 2000er Jahre eingeführte Selbstbehalt für die Schülerfreifahrt oder das Milchgeld.

Dabei hat das Bildungsministerium in einem Erlass klargestellt: In Österreich ist die Schulgeldfreiheit gesetzlich festgeschrieben, die Schulen müssen die erforderliche Einrichtung und Ausstattung wie eben Spinde unentgeltlich bereitstellen. Nach Auffassung der Arbeiterkammer muss der Wildwuchs der „sonstigen“ Kosten insgesamt überprüft werden. AK Präsident Erwin Zangerl: „Sonst wird die öffentliche Schule vor allem für Wenigverdiener zunehmend zum finanziellen Problem!“

2. Der höchste Einzelposten: Skikurs, Sportwoche, Sprachreise
Die Kinder und Jugendlichen haben Spaß, die Eltern blechen. Wenn der Schulbetrieb für eine „mehrtägige Schulveranstaltung“ wie Skikurs, Sportwoche oder Sprachreise unterbrochen wird, drückt das aufs Familienbudget. Außer in der Volksschule sind die mehrtägigen Schulveranstaltungen der größte einzelne Ausgabenposten bei allen Schultypen in Tirol. Im Durchschnitt zahlen Eltern dafür pro Kind und Jahr zwischen 194 Euro (NMS) und 355 Euro (Gymnasium-Oberstufe).

Die hohen Ausgaben für mehrtägige Schulveranstaltungen führen zur Benachteiligung der Kinder von Wenigverdienern. Laut AK Erhebung sitzt rein rechnerisch mindestens ein Kind in einer Klasse (4,2 %), das nicht mitfahren kann, weil es sich die Eltern nicht leisten können. Bei Familien mit einem Haushaltseinkommen unter 2.000 Euro konnte fast jede zehnte Familie (8 %) ihren Kindern die Teilnahme an bestimmten Schulveranstaltungen nicht ermöglichen. Sie müssen daheim bleiben, wenn andere über Pisten carven, Tennis spielen oder ihr Englisch an der britischen Südküste üben.

3. Noch mehr Ausgaben: Ganztägige Schule, Hort, Nachmittagsbetreuung
Bestimmte Ausgaben der Familien wurden in der AK Erhebung nicht in den Durchschnitt für alle eingerechnet. Wer sein Kind besonders betreut und gefördert haben will, hat besonders hohe Ausgaben wie z. B. für ganztägige Betreuung. Die Kosten für die zusätzliche Betreuung bewegen sich in Tirol zwischen 500 bis fast 1.900 Euro, wobei man erwähnen muss, dass es im Rahmen der Schulkostenerhebung nur wenige von diesen Kosten betroffene Eltern gab. Fest steht, dass zu hohe Zusatzkosten die Ganztagesschul-Angebote für Eltern unattraktiv machen könnten.

4. Aufstieg durch Bildung kann am Geld scheitern
Wenn die Schulausgaben fürs Kind immer höher werden, je „höher“ eine Schule ist, dann ist das eine große Hürde beim Aufstieg. Laut AK Erhebung kann in Tirol rechnerisch ein Kind pro Klasse (4,1 % in einer Klasse mit 25 Schülern) keine weiterführende Schule besuchen, weil sich die Eltern den Schulbesuch nicht leisten können.

Neben Ausgaben für Nachhilfe und mehrtägige Schulveranstaltungen werden die Familien in der Oberstufe vor allem durch Ausgaben für die Ausstattung der Kinder mit Computer, Laptop, Tablet oder Taschenrechner belastet.
Die EDV-Ausgaben für die Schule betragen in Tirol pro Kind und Jahr im Schnitt der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (HASCH, HAK, HTL, Fachschule etc.) 201 Euro (20 % der durchschnittlichen Gesamtausgaben im Schultyp) und im Schnitt der Oberstufen der Gymnasien 71 Euro (6 % der durchschnittlichen Gesamtausgaben).
Wobei diese Ausgaben höher sind, wenn das Gerät gerade gekauft wurde. Die durchschnittlichen Ausgaben für schulbezogene EDV-Ausgaben betragen 633 Euro, wenn nur die Familien in die Wertung kommen, die vor nicht allzu langer Zeit die EDV-Ausstattung besorgt haben.

5. Starke Belastung der FamilienBei den hohen Extra-Ausgaben der Familien für die Schule versteht sich von selbst, dass sich die Eltern finanziell belastet fühlen. Und natürlich empfinden sie diese Belastung umso stärker, je niedriger das Nettohaushaltseinkommen inklusive Familienbeihilfe ist (Angaben in Prozent):

Nettoeinkommen inkl. Familienbeihilfe            stark/eher stark belastet
bis 2.000 Euro pro Monat                                  48,0 %
2.001 bis 3.000 Euro pro Monat                         40,6 %
über 3.000 Euro pro Monat                                35,4 %

Das Entlastungsprogramm der AK für die Familien


„Mit diesen versteckten Schulkosten werden immer mehr Kosten auf die Eltern abgewälzt. Hier muss dringend gegengesteuert werden“, erklärt AK Präsident Erwin Zangerl. „Es kann nicht sein, dass der Schulerfolg der Kinder vom Einkommen der Eltern abhängt.“

Deshalb fordert die AK Tirol
  • Mehr Kostenbewusstsein an den Schulen

    Mit einem Monitoring der Schulkosten soll die Entwicklung der Extra-Ausgaben der Eltern überprüft werden, Kostenexzesse sind abzustellen. Die Eltern sollen bei Auswahl und Gestaltung der Schulveranstaltungen stärker eingebunden werden. Verstärkt sollen kostenlose lizenzfreie Lernunterlagen verwendet werden. Für Laptops und Tablets ist ein sozial verträgliches Finanzierungsmodell nötig.

  • Schulbeihilfen erhöhen

    Seit der letzten Anpassung 2007 hinkt die Höhe der Beihilfen in der Oberstufe bereits 20 % hinter der Inflation her. Überdies sollen die Schulbeihilfen bereits ab der 9. Schulstufe gewährt werden statt wie derzeit erst ab der 10. Schulstufe.
  • Ganztagsschulen müssen kostenlos sein

    Den Eltern sollen für die Zeit der Anwesenheitspflicht, also üblicherweise von 8 bis 16 Uhr, keine Betreuungskosten mehr verrechnet werden. Damit wird die pädagogisch sinnvolle verschränkte Ganztagsschule, in der Unterricht, Üben, Sport und Freizeit über den ganzen Tag verteilt stattfinden, zur Chance für alle Kinder.
  • Chancen-Index in der Schulfinanzierung

    Ein Schulstandort soll umso mehr Budget zur Förderung der Kinder bekommen, je „niedriger“ der Bildungshintergrund der Eltern ist.


Daten zur Erhebung


Für die AK Schulkostenerhebung zeichneten insgesamt 1.294 Mütter oder Väter in Tirol, Salzburg, Wien, Niederösterreich und dem Burgenland mit insgesamt 2.123 Schulkindern von Juli 2015 bis Ende Juni 2016 ihre Schulausgaben auf; in Tirol waren es 155 Familien mit 285 Schulkindern.

Details zur Erhebung samt Tabellen und Erläuterungen siehe Download rechts "Schulkostenerhebung 2015/16".

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